Patenschaftsprojekt: „Zeit für ein Kind“

Ein Gespräch mit Dr. Annette Streeck-Fischer und Dr. Karl Gebauer. Die Fragen stellte Sabine Ihlenfeldt, Administratorin von win-future (2005)

Ihlenfeldt: Seit mehr als vier Jahren gibt es in Göttingen ein Patenschaftsprojekt, in dem Kinder im Grundschulalter ein Jahr lang von einer Patin oder einem Paten einBeziehungsangebot erhalten. Frau Dr. Streeck-Fischer, Sie sind Chefärztin der Abteilung Klin. Psychotherapie von Kindern und Jugendlichen im Landeskrankenhaus Tiefenbrunn bei Göttingen. Was hat sie bewogen, zusammen mit Herrn Dr. Gebauer dieses Patenschaftsprojekt zu entwickeln?

Streeck-Fischer: Die Bürgerstiftung Göttingen hat uns vor etwa vier Jahren gebeten, ein Projekt zu entwickeln, in dem Kindern im Schulalter die Chance eröffnet wird, zusätzlich zum familiären Erziehungsangebot eine Unterstützung durch eine weitere Person zu erhalten. Das war der Ausgangspunkt für die Entwicklung unseres Patenschaftspojektes. Wir haben dann mit interessierten Personen verschiedene Möglichkeiten erörtert. Herausgekommen ist das Projekt, bei dem eine Patin oder ein Pate ein Jahr lang einmal in der Woche einem Kind drei Stunden Zeit schenkt.

Ihlenfeldt: Herr Dr. Gebauer, Sie waren viele Jahre Schulleiter einer Göttinger Grundschule. Hat die Entwicklung dieses Projektes etwas zu tun mit ihren Erfahrungen in der Schule?

Gebauer: Die Grundidee besteht darin, etwas für Kinder zu tun, die nicht so leicht durch die Schule und das Leben gehen. Die Ursachen für Lern- und Verhaltensprobleme mancher Kinder haben etwas damit zu tun, dass diese Kinder während ihrer bisherigen Entwicklung nicht die Anregungen erhalten haben, die sie brauchen, um erfolgreich in der Schule mitarbeiten zu können. Aus verschiedenen Forschungsbereichen wissen wir, dass eine gute Beziehung die Grundlage für alle Lernprozesse darstellt.

Streeck-Fischer: Unsere Arbeit basiert auf Kenntnissen aus der Bindungs-, Entwicklungsund Resilienzforschung. Die Ergebnisse zeigen, dass Angebote qualitativ neuer und anderer Beziehungen positive Entwicklungen in Gang bringen können. Ziel ist die Verinnerlichung eines hilfreichen Begleiters.

Gebauer: Es geht bei den individuellen Aktivitäten um die Entwicklung von Bindungs- und Beziehungsfähigkeit, um Unterstützung im sprachlichen Austausch und um Entwicklung von Reflexivität, es geht letztlich um positive Erfahrungen mit sich, mit anderen und mit der Umwelt.

Ihlenfeldt: Ist die heutige familiäre Situation vieler Kinder dafür verantwortlich, dass sie sich

nicht mehr angemessen entwickeln können?

Streeck-Fischer: Für die Probleme, die heutzutage viele Kinder haben gibt es viele Ursachen. Es ist sicherlich sinnvoll auch die familiäre Situation daraufhin zu befragen, ob ein Kind in seiner Entwicklung eine ausreichende Erfahrung von Zuwendung und Geborgenheit hatte. Die Situation vieler alleinerziehender Mütter ist z.B. so, dass sie sich oft sehr alleingelassen und mit den täglichen Anforderungen überlastet fühlen.

Gebauer: Während früher Kinder in großen Familien gelebt haben und die Chance hatten, zu vielen Menschen Beziehungen aufzubauen, fehlt diese Möglichkeit heute fast völlig. Jede Familie kann aber in eine Situation kommen, in der Hilfe von außen sinnvoll ist. Kinder in unserem Projekt kommen aus den unterschiedlichsten familiären Konstellationen. Viele Patenkinder stammen aus Familien, die ein zusätzliches Beziehungsangebot als hilfreich ansehen. Diese Eltern unterstützen die Patenschaften.

Ihlenfeldt: Kann man die Arbeit der Patin mit einer Hausaufgabenhilfe vergleichen?

Streeck-Fischer: Wir haben nichts dagegen, wenn eine Patin ihrem Patenkind auch einmal bei den Hausaufgaben hilft. Aber es ist nicht das zentrale Anliegen unseres Projektes. Es geht darum, einem Kind Zeit zu schenken.

Gebauer: Viele Kinder leiden darunter, dass nahe Erwachsene ein zu geringes Interesse an ihrer Entwicklung haben. Es fehlt oft an ruhigen Situationen, in denen Mutter und/oder Vater ihrem Kind zuhören oder mit ihm über die vielen alltäglichen Belange reden, über Erfolge in der Schule aber auch über Probleme im Umgang mit anderen Kindern oder den Lehrern.

Ihlenfeldt: Geht es bei den Patenschaften um therapeutische Maßnahmen?

Streeck-Fischer: Nein. Es geht um ein Art der Zuwendung, die mit den in unserer Kultur bereits existierenden Patenschaften, z.B. bei der Taufe eines Kindes, vergleichbar ist. Wenn ein Kind Sorgen oder Kummer hat und sich für eine Lösung im engeren familiären Umfeld keine oder nur eine unzulängliche Lösung anbietet, dann sollte eine Patin hilfreich einspringen können.

Ihlenfeldt: Wie werden die Kinder ausgewählt, die für eine solche Patenschaft infrage kommen?

Gebauer: Wir arbeiten eng mit Göttinger Grundschulen zusammen. Die Klassenlehrer der Patenkinder helfen dem Verein bei der Vermittlung. Wenn eine Klassenlehrerin den Eindruck hat, dass einem Kind das von uns angebotene Beziehungsangebot helfen könnte, dann nimmt sie mit den Eltern Kontakt auf, erklärt den Sinn des Patenschaftsprojektes und sorgt bei Zustimmung der Eltern für den ersten Kontakt zwischen Patin, Kind und Familie. Die Klassenlehrerin stellt ein wichtiges Bindeglied zwischen Eltern und Patenschaft dar. Sie ist gleichsam die Vertrauensperson für die Eltern, die ja in der Regel die Mitarbeiter des Patenschaftsprojektes nicht kennen. Eltern brauchen Sicherheit, bevor sie ihr Kind in die Obhut anderer Menschen geben.

Ihlenfeldt: Wie kann man sich diesen Vermittlungsprozess vorstellen?

Streeck-Fischer: In der Anfangsphase haben wir Informationsveranstaltungen für Lehrer, Lehrerinnen und potenzielle Paten angeboten. Dabei haben wir an Beispielen deutlich gemacht, dass in vielen Fällen zu spät auf die Probleme eines Kindes regiert wird. Oft fällt ein Kind erst auf, wenn gravierende Probleme sichtbar werden. Unser Ziel ist es, die Wahrnehmung dafür zu schärfen, ob und wann ein Kind Hilfe braucht. Es geht darum, den Kindern frühzeitig zu helfen . So kann in vielen Fällen einer negativen Entwicklung vorgebeugt werden. Zur allgemeinen Information haben wir einen Flyer entwickelt, der über die Geschäftsstelle zu erhalten ist.

Ihlenfeldt: Welche Qualifikation braucht man als Patin?

Streeck-Fischer: Die Menschen, die sich für eine Patenschaft interessieren, sollten Lebenserfahrung mitbringen und Kinder mögen. Sie sollten darüber hinaus bereit sein, an den Supervisionstreffen teilzunehmen. Eine gute Beziehung zwischen Patin und Kind muss sich entwickeln können. Dabei sind Irritationen und Störungen der unterschiedlichsten Art denkbar.

Im Rahmen der Supervision, die in einem 14tägigen Rhythmus stattfindet, können diese Probleme unter der Leitung einer qualifizierten Supervisorin oder einem Supervisor erörtert und geklärt werden. Zur Zeit gibt es 3 Supervisionsgruppen. Hier werden Probleme besprochen, Erfahrungen ausgetauscht und Anregungen weitergegeben.

Gebauer: Zu Beginn einer Patenschaft führen die beiden Vorsitzenden des Vereins „Zeit für ein Kind“, das sind Frau Streeck-Fischer und ich, ein Gespräch mit den potenziellen Paten. Dabei geht es um die Motivation der Paten, ihre bisherigen Erfahrungen im Umgang mit Kindern, ihre zeitlichen Ressourcen und um ihre Bereitschaft, in der Supervisionsgruppe mitzuarbeiten. Wir weisen in diesem Gespräch darauf hin, dass es primär um ein Beziehungsangebot für ein Kind geht. Von den Patinnen und Paten erwarten wir eine starke Zurückhaltung gegenüber dem familiären System. Es kann und darf nicht Aufgabe einer Patin sein, in das familiäre Geschehen über den speziellen Aufgabenbereich hinaus einzuwirken.

Ihlenfeldt: Wie groß ist das Patenschaftsprojekt?

Streeck-Fischer: : Es gibt 30 Patenschaften. In der Regel verpflichtet sich eine Patin/ein Pate für ein Jahr. Aber Patenschaften können in beiderseitigem Einverständnis auch länger dauern. So gibt es Patenschaften, die bereits einen Zeitraum von drei Jahren umfassen. Sollten sich auftretende Probleme nicht konstruktiv lösen lassen, so kann eine Patenschaft auch beendet werden. Der Prozess eines vorzeitigen Abbruchs sollte in die Supervisionsgruppe geklärt und begleitet werden. .

Ihlenfeldt: Was machen Patin und Kind miteinander?

Gebauer: Die Paten treffen sich einmal in der Woche für drei Stunden mit ihrem Patenkind, hören ihm zu, gehen mit ihm spazieren, spielen mit ihm oder lesen gemeinsam mit ihm ein Buch. Wir sind überrascht und sehr angetan von der großen Fülle an Ideen, die Kind und Patin für die gemeinsame Zeit entwickeln. In bestimmten Zeitabständen gibt es für die Kinder und ihre Paten das Angebot gemeinsamer Erkundungen in Wald und Feld.

Ihlenfeldt: Wie sehen die bisherigen Erfahrungen aus?

Streeck-Fischer: Zweimal im Jahr treffen wir uns mit den Patinnen und Lehrerinnen, die ein Kind vermittelt haben. Diese Treffen dienen der gegenseitigen Vergewisserung. Die Erfahrung aus den ersten Jahren des Projektes haben gezeigt, dass den Kindern diese zusätzliche geschenkte Zeit gut tut. Patinnen und Lehrerinnen berichten insgesamt über eine positive Entwicklung der einzelnen Kinder.

Ihlenfeldt: Wie finanzieren Sie das Projekt?

Gebauer: Die Patinnen/Paten üben ihre Tätigkeit ehrenamtlich aus. Für die Supervision und Koordination benötigen wir natürlich Geld. Bisher finanzieren wir diese Arbeit aus Spenden. Es gibt z.B. in Göttingen eine Gruppe von Geschäftsleuten, die das Projekt finanziell unterstützen. Der Verein nimmt gerne Spenden entgegen unter: Bürgerstiftung Göttingen, Nr. 121988, Sparkasse Göttingen, BLZ 260 500 01, Stichwort: Zeit für ein Kind

Ihlenfeldt: Gibt es Reaktionen auf das Projekt?

Streeck-Fischer: Inzwischen haben sich in Hann-Münden und Holzminden Initiativen gebildet, die in Orientierung an unserem Projekt ebenfalls ein solcher Patenschaftsprojekt entwickelt haben. Anfragen aus anderen Städten liegen vor. Es gibt auch ein wissenschaftliches Interesse an unserer Arbeit. Inzwischen werden erste Seminararbeiten von Studentinnen über unser Projekt geschrieben.

Ihlenfeldt: An wen können sich Eltern, Paten oder Lehrerinnen wenden, die weitere Informationen haben oder vielleicht mitarbeiten möchten?

Gebauer: Interessenten können sich an die Geschäftsführerin der Bürgerstiftung, Frau Elke Lahmann, wenden:

Bürgerstiftung Göttingen
ZEIT FÜR EIN KIND e.V.
Robert-Koch-Str. 2
37075 Göttingen
T. 0551- 54 713 26
E-Mail: buergerstiftung-goe@gmx.de

Ihlenfeld: Frau Dr. Streeck-Fischer, Herr Dr. Gebauer, ich danke Ihnen für das Gespräch.

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