Wie wir in Zeiten großer Umbrüche zu einer inneren Stabilität finden können
Ausgehend von der aktuellen Belastungssituation der KiTas und einer bedrückenden Weltlage, in der die Demokratie in die Defensive gerät, zeigt Dr. Karl Gebauer in diesem Beitrag auf, wie Kinder sich zu empathischen, weltoffenen und gemeinschaftsfähigen Bürger*innen und Demokrat*innen entwickeln können. Zentral sind dabei die Erfahrung von Selbstwirksamkeit und Resonanz.
Erschienen bei Nifbe, Februar 2025 https://www.nifbe.de/component/themensammlung?view=item&id=1298:zu-den-quellen-der-hoffnung&catid=23
Es könnte so schön sein: Die Arbeit in den Kindertagesstätten könnte zu den schönsten Arbeitsfeldern erwachsener Menschen gehören. Die Lebendigkeit der Kinder, ihre Neugier für alles, was in ihren Blick gerät, ihre Freude über jede kleine Entdeckung, ihr Staunen und andächtiges Zuhören beim Vorlesen und Betrachten von Bilderbüchern, ihr konzentriertes Gestalten von Objekten, die vielen Feste und Feiern. Die Arbeit mit kleinen Kindern bedeutet Lebendigkeit pur.
Skizze der Realität
Viele Erzieher*innen arbeiten am Limit. Die täglichen Belastungen sind kaum zu stemmen. Es herrscht seit Jahren ein Mangel an Fachkräften. Das ist seit Jahren bekannt. Bekannt ist auch, dass die in den Bildungsplänen formulierten Ziele einer guten frühkindlichen Bildung nur dann zu erreichen sind, wenn die äußeren Rahmenbedingungen stimmen. Damit sind nicht nur die Betreuungszeiten gemeint. Erzieher*innen benötigen auch einen angemessenen Zeitrahmen für ihre Vorbereitungen und die nachfolgenden Reflexionen. Der jetzige Zustand muss alle, die sich für Erziehung und Bildung verantwortlich fühlen, sehr beunruhigen. Dauerhaft erschöpftes Personal kann den Bedürfnissen der Kinder nicht gerecht werden. Die Vernachlässigung dieses Bereichs der Bildung hat nicht nur Auswirkungen auf die Arbeit in den KITAs. Das Lebensgefühl und die Gestaltung des Familienlebens wird entscheidend von dieser Situation beeinträchtigt. Über diesen arbeitsspezifischen Rahmen hinaus sind viele Eltern und auch Erzieherinnen mit einer Fülle weiterer Probleme belastet.
Weltweit schwindet das Vertrauen in demokratische Institutionen. Die Gesellschaft spaltet sich in mehrfacher Hinsicht. Die Armen werden ärmer, die Reichen werden reicher. Viele Menschen finden keinen Wohnraum oder sie können die Kosten für das Wohnen nicht mehr tragen. Ältere – aber auch jüngere – Menschen sorgen sich um ein auskömmliches Leben im Alter. Immer mehr Menschen können ihre Grundversorgung mit eigenen Mitteln nicht mehr bewerkstelligen. Sie brauchen die Unterstützung durch die Tafeln. Gleichzeitig setzen sich große, international agierende Konzerne über das Gemeinwohl hinweg. Sie suchen und finden Möglichkeiten, ihre Abgaben für den Staat, ihre Steuern, gering zu halten. (Friedrichs, 2024) Das Gesundheitswesen ist trotz hervorragender Entdeckungen der Wissenschaft und neuer Entwicklungen im medizinischen Bereich angeschlagen. Viele Menschen machen sich Sorgen, ob sie eine angemessen Pflege im Alter oder bei Krankheit erhalten. Reaktionäre Parteien finden Zulauf. Fragen der Integration von Menschen, die aus unterschiedlichsten Gründen auf der Flucht sind, eine neue Heimat suchen, die ihnen oft verwehrt wird, bleiben weitgehend ungeklärt. Äußerungen mancher Menschen lassen jedes Maß an Würde vermissen. Der demokratischen Diskurs wird zunehmend von Demagogie, Hass und gemeinen Lügen überlagert. Bereits im Jahr 2019 formuliert der amerikanisch Soziologe Fukuyama: „Der Verlust der Würde, der in solchen Handlungen sichtbar wird, gefährdet unsere Demokratie“. (Fukuyama, 2019).
Europa – ein Friedensprojekt – sieht sich schweren Prüfungen ausgesetzt. Niemand kann heute abschätzen, welche Folgen die neue amerikanische Politik für das Leben vieler Menschen und Staaten haben wird.
Was gibt uns vor diesem skizzierten politischen Hintergrund Hoffnung?
Zunächst möchte ich den Blick auf die Situation der Kinder richten. Was gibt ihnen Zuversicht und Hoffnung? Diese Frage führt uns zu den frühkindlichen Entwicklungsprozessen. Dabei spielen die Überlegungen eine Rolle, wie und wodurch Kinder so etwas wie Vertrauen und Hoffnung entwickeln können
Kraftquellen für das Leben
In gelingenden Interaktionen liegen die Kraftquellen für ein gelingendes Leben. Sie sollten daher in den Kitas und Schulen eine besondere Berücksichtigung erfahren. Kinder müssen das Gefühl haben, dass sie in ihrer emotionalen Gestimmtheit und ihrer grundsätzlichen Lernmotivation wahrgenommen werden. Wenn die Beziehung zwischen den Erwachsenen und den Kindern stimmig ist, befinden sie sich in einer Dynamik von Entdeckerfreude und Resonanz. Das heißt, erwachsene Beziehungspersonen nehmen die Interessen der Kinder wahr und ermöglichen durch die Bereitstellung von Materialien Handlungs- und Lernmöglichkeiten. In einer gelingenden zwischenmenschlichen Interaktion und Kommunikation, werden Erfahrungen gesammelt, die schliesslich die Grundlage für Resilienz bilden. Manchmal handelt es sich bei den Interaktionen um eine Geste, einen Laut, ein Lächeln, eine freundliche Antwort. In solchen Augenblicken können Kinder – aber auch erwachsene Person – glückliche Momente erleben. Kleinste Handlungen innerhalb emotional gestalteter Interaktionen können Hoffnung spenden. Meine Vermutung ist, dass dieser Aspekt vor allem in vielen Schulen nicht die erforderliche Beachtung findet. Die Lernchancen, die in diesen Prozessen möglich sind, werden im weiteren Verlauf an Beispielen gezeigt. Die Kunst der Erziehung besteht in der frühen Kindheit darin, sich in Ruhe den Bedürfnissen der Kinder zu widmen. Jedes Kind muss sich in seinem Tun wahrgenommen fühlen. Es braucht für sein Tun eine Bestätigung, eine Resonanz. Im Rahmen dieser Kommunikation kann sich Zuversicht entwickeln. Zuversichtserfahrungen können zu dem führen, was wir mit Hoffnung beschreiben. Hoffnung entwickelt sich in gelingenden interaktiven Prozessen. Es ist primär „die Hilfe von Menschen, die es gut mit uns meinen, die unser Ich stabilisieren in den Stürmen, die das neue Jahr uns bringt.“ (Metzger, 2025, S.19)
Frühkindliche Entwicklungsprozesse
Die Fähigkeit zu Empathie erleben und lernen Kinder in ihren ersten Lebensjahren. Es ist bekannt, wie wichtig die körperliche Nähe unmittelbar nach der Geburt für eines Babys ist. Schon bald spiegelt es sich in den Augen der Eltern, möchte wahrnehmen, ob es willkommen ist auf dieser Welt. Psychologische und neurobiologische Studien gehen davon aus, dass gerade über diese Spiegelungsprozesse die Aktivitäten im kindlichen Gehirn angeregt werden (Rizzolatti, 2008).
Empathie und die Spiegelbilder im Gehirn
Neuere Forschungen legen die Vermutung nahe, dass die Qualität der Beziehung den Aufbau der neuronalen Schaltkreise prägt. Die so entstehenden Muster der neuronalen Verbindungen sind ein Spiegelbild der Gefühlsreaktionen der Bindungspersonen (Eltern, Erzieherinnen, Tagespflegepersonen). Hier werden die Grundlagen für einen wohlwollenden Umgang miteinander gelegt. „Wir sind – aus neurobiologischer Sicht auf soziale Resonanz und Kooperation angelegte Wesen.“ (Bauer, 2005) Wenn es aber aus unterschiedlichen Gründen nicht oder nur begrenzt möglich ist, die Interaktion und Kommunikation mit dem Kind / den Kindern gut zu gestalten, dann wird die wichtige Erfahrung von Sicherheit und Geborgenheit bereits in ihren Anfängen gestört. Eine Folge ist Angst – Zukunftsangst.
Wenn Eltern aber verstehen, was ihrem Kind gut tut, wenn sie seine Mimik, Gestik und die Laute, die es von sich gibt, richtig interpretieren und angemessen darauf reagieren, dann sind das wichtige Grunderfahrungen, durch die ein Kind so etwas wie Urvertrauen entwickeln kann. Es macht hier die grundlegende emotionale Erfahrung, dass zugewandte Menschen auf seine Geräusche, Laute und Bewegungen achten, sie wahrnehmen und darauf reagieren. Es nimmt emotional wahr, dass es durch seine geringen – aber sehr schönen und interessanten – Einmischungen in die Situation eine Resonanz hervorrufen kann. Auf der emotional-sozialen Ebene zwischen Kind und erwachsener Person findet eine Interaktion – begleitet von kommunikativen Aspekten – statt. Interaktion und Kommunikation bestimmen die Dialogsituation. Ein Kind erlebt sich als selbstwirksam, denn sein Quietschen und Lachen wird gehört. Die erwachsen Person reagiert darauf. Das ist die Erfahrung von Selbstwirksamkeit und Resonanz in der frühesten Kindheit. Durch die gemeinsame Handlung findet eine Beziehungserfahrung statt. In diesem wechselseitigen Prozess von Urheberschaft und Resonanz wirkt eine Dynamik der Zuversicht. Wenn es einmal gelungen ist, den Vater zum Lachen zu bringen, dann könnte es auch beim nächstenmal gelingen. Hier sprudelt eine Quelle der Hoffnung. Hervorgerufen durch ein Lächeln, einen Laut, ein Strampeln, ein Quietschen und Juchzen. Für Angst gibt es in einer solchen Situation keinen Raum. In solchen Begegnung kann für beide Menschen (Erwachsene Person und Kind) ein emotionaler Genuss liegen, der gleichzeitig die Erwartung auf ein Mehr weckt. Damit ist der Blick in die Zukunft gerichtet.
Ein völlig anderes Erziehungs- und Erlebnismuster erfuhren Babys in der Zeit des Nationalsozialismus. Es gehörte zum Erziehungskonzept, die körperliche und emotionale Nähe zu vermeiden. Den Müttern wurde geraten, ihr weinendes Baby nicht an die wärmende Brust zu legen, sondern möglichst weit vom Körper weg zu halten (Chamberlain, 2002). Die Erfahrung von Nähe und Geborgenheit wird unterbunden, der Weg zu einer inneren Kälte wird gebahnt.
Das Lächeln und die Erfahrung von Selbstwirksamkeit
Gelingt es Babys, wie beschrieben, durch Lächeln, Weinen oder Schreien die Aufmerksamkeit der Erwachsenen auf sich zu lenken, dann liegt darin die erste und wichtige Erfahrung von Selbstwirksamkeit und Resonanz. Werden solche Situationen von den Eltern wohlwollend beantwortet, entwickelt sich eine sichere emotionalen Bindung des Kindes an seine Eltern. Damit hat es einen bedeutenden Schutzfaktor für seine Entwicklung erworben. Bindungssichere Kinder haben ein grundlegendes Gefühl von Ur-Vertrauen verinnerlicht, von dem aus sie nicht nur neugierig die Welt erkunden können, sie können auch in Zeiten von äußerer und innerer Bedrohung an dieses Bindungssystem anknüpfen und zu einer inneren Ruhe finden. Hier wird der Boden für das bereitet, was Tim Müller mit dem Begriff der „Selbstaffirmation“ beschreibt. Menschen kämen schneller durch Krisen, wenn sie sich an Ereignisse erinnerten, die Ihnen in der Vergangenheit geglückt seien. (Müller, T., „Psychologie heute“, Heft 2,2025, S.23). Wenn das Finden einer inneren Sicherheit in der frühen Kindheit immer wieder erlebt werden konnte, dann kann diese Erfahrung in der Regel auch in Krisenzeiten abgerufen werden.
Beispiele für gelingende Interaktions- und Kommunikationsprozesse
„Schmeckt es dir?“ – „Möchtest du mehr davon?“ – „Hier kommt der nächste Löffel.“ – Das sind Sätze, verbunden mit Mimik und Gestik, die ein Kind ab einem bestimmten Alter täglich erleben kann, wenn Eltern ihre Handlungen sprachlich begleiten. In diesen einfachen Vorgängen liegen große Entwicklungspotenziale. Das melodische Sprechen der Erwachsenen schafft für das Baby einen Raum des Wohlgefühls. Es erlebt Wärme und kann so ein Gefühle von Sicherheit und Geborgenheit ausbilden. Mit höchster Aufmerksamkeit verfolgt es die Interaktionen naher Personen. Es spiegelt sich in den Augen der Eltern und sucht zu erkunden, was das alles bedeutet. Die Verhaltensbiologin Gabriele Haug-Schnabel schreibt, aus dem Blickwinkel eines Babys könne man sich das innere Erleben so vorstellen: „Nehmen sie mich wahr?“ „Achten sie auf meine Signale?“ „Ist es ihnen wichtig, meine Bedürfnisse zu befriedigen?“ (Haug-Schnabel, 2003)
Ist das Grundbedürfnis nach Hunger und Geborgenheit gestillt, wird ein Kind nun auf vielfältige Weise versuchen, seine Welt zu entdecken. Zunächst ist es das Gesicht der Mutter, später sind es die Spielsachen und Gegenstände in der unmittelbaren Umgebung. Wieder einige Zeit später sind es Wasser, Erde und Sand. In der Krippe erlebt ein Kind, dass es neben ihm noch andere Kinder mit eigenen Interessen gibt. Wenn die Bezugspersonen aufmerksam die Signale der Kinder wahrnehmen, entstehende Unsicherheiten ernst nehmen, wenn sie empathisch reagieren, dann lernen Kinder bereits in den ersten Lebensjahren den achtsamen Umgang miteinander. Hier werden elementare Erfahrungen gesammelt, die eine Grundlagen für späteres demokratisches Handeln bilden.
Quelle für Hoffnungslosigkeit und Destruktion
Leider können hier auch die Quellen für Hoffnungslosigkeit, Destruktion und Zerstörung liegen. Das trifft vor allem dann zu, wenn ein Kind kaum oder keine emotionale Zuwendung erfährt, mit Gewalterfahrungen alleine gelassen wird und wenn es in seiner weiteren Entwicklung keine Menschen gibt, die in ihrem Handeln ein Modell von emotionaler Zuwendung anbieten.
Im Extremfall können sich Kinder im weiteren Verlauf zu Tyrannen entwickeln, die auch nicht davor zurückschrecken, als erwachsene Menschen die Welt zu zerstören. (Fuchs, 2019)
„Je mehr Kinder bei uns und weltweit vernachlässigt, geschlagen, gedemütigt werden, desto höher steigt das destruktive Potential in unserem eigenen Land und weltweit.“ (Peter Riedesser, Professor und ehemaliger Direktor am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Klinik für Kinder- und Jugend-Psychiatrie. „Weltweiter Kinderschutz ist der Königsweg zur Prävention nicht nur von seelischem Leid, sondern auch von Kriminalität, Militarismus und Terrorismus. Er sichert die Demokratie und den friedlichen kulturellen und ökonomischen Austausch. Unsere gesamte Kreativität und Entschlossenheit ist gefragt, dies zu realisieren.“ (Fuchs, 2019, S.317)
Über den Umgang mit Gewaltsituationen in der Schule habe ich während meiner Tätigkeit als Lehrer und Schulleiter über einen Zeitraum von 25 Jahren fast täglich Notizen über meine Klärungsaktivitäten mit den Schüler*innen gemacht. So sind insgesamt 28 eng beschriebene Tagebücher entstanden. Sie bildeten die Grundlage für meine Bücher und Aufsätze zu diesem Thema. (Gebauer,K.1996)
Der emotional-kognitive Handlungskomplex
„Mama kommt wieder“ – ein Beispiel Die etwa zweijährigen Kinder einer Krippengruppe versammeln sich an einem Tisch zum gemeinsamen Frühstück. Es herrscht eine schöne und ruhige Atmosphäre. Plötzlich hört man ein leises Weinen, die Kinder und die Erzieherinnen werden aufmerksam, schauen sich um. Da steht ein Kind von seinem Platz auf, geht zu dem weinenden Mädchen, legt seinen Arm um dessen Schulter und sagt: „Mama kommt wieder.“ – Das ist ein Beispiel für Mitgefühl/Empathie. |
Empathie besteht aus mehreren Komponenten. Zunächst ist damit die emotionale Fähigkeit gemeint, überhaupt wahrzunehmen, dass ein anderer Mensch auch Schmerz und Trauer empfinden kann. Das bedeutet sich in einen anderen Menschen einfühlen zu können. Damit verbunden ist ein kognitiver Prozess. Das in dieser Situation handelnde Kind, konnte bei sich das Gefühl des weinenden Kindes fühlen und kognitiv erkennen, dass es auf der Handlungsebene um die Abwesenheit der Mutter ging. In dieser Situation kamen die Gefühle des weinenden und des tröstenden Kindes für einen Augenblick in einen Gleichklang. Daraus erwuchs die Erkenntnis zum Handeln und dieses Handeln zeigte sich darin, dass ein Kind aufstand, seinen Platz verließ, das andre Kind aufsuchte und dieses tröstete. Auch hier finden wir die Figur von Selbstwirksamkeit und Resonanz. Das Ergebnis ist verblüffend: Das getröstete Kind wird von seiner Angst (Die Mutter ist weg, kommt sie wieder?) befreit. Das helfende Kind erfährt sich in seiner Selbstwirksamkeit, es war erfolgreich in seiner tröstenden Aktivität. Damit hat er durch sein Handeln in der Situation dem traurigen Kind geholfen, seine Angst zu überwinden. Es kann nun am gemeinsamen Frühstück teilnehmen, das heißt, dass sich für das getröste Kind in dem Augenblick Zukunft eröffnet hat – Zukunft für den Tag.
Die Fähigkeit zu Empathie gründet in den ersten Begegnungen mit Mutter und Vater oder anderen nahen Menschen. Fehlt diese körperliche zugewandte Erfahrung ist es nur schwer möglich, im weiteren Entwicklungsverlauf eine ethische Komponente, die zu einer selbstreflexiven Wahrnehmung und Einordnung des eigenen Verhaltens führt, aufzubauen. Es fehlt die „gute Mutter“, der „gute Vater“ – die eine innere Instanz der Handlungskontrolle ermöglichen würden.
Eine empathische Aktion, die in Zeiten des Nationalsozialismus undenkbar war. (Chamberlain, 2002) Damals galt Härte als Erziehungsideal. Die Fähigkeit zur Einfühlung spielte keine Rolle. So konnten sich aus verweigerter emotionalen Nähe Destruktion und Grausamkeit entwickeln.
Moralisches Handeln kann gelernt werden
Empathie im Sinne eines wohlwollenden Umgangs miteinander braucht ethische Qualitäten. Ethisch begründetes Verhalten kann in den vielen Situationen des Alltags erlebt und gelernt werden. So brauchen Kinder in Konfliktsituationen eine helfende Person, die sich in die Situation einfühlen und einen Weg zeigen kann, der zu einem guten Ergebnis führt. In Streitsituationen werden Gefühle wie Wut, Ärger, Ohnmacht erlebbar. Diese gilt es zu benennen. Geben Eltern und Erzieherinnen Hilfestellungen, dann findet eine emotional-kognitive Bearbeitung der Situation statt. Betroffene Kinder erleben, dass sie nicht nur Urheber von Streit sind, sondern dass sie auch zur Lösung beigetragen können. Das stärkt ihr Selbstwertgefühl und so bilden sich Grundstrukturen für pro-soziales Verhalten heraus. Kinder machen die Erfahrung, dass sie durch ihr Handeln etwas bewirken können. Sie erleben sich in der wichtigen Grunderfahrung von Selbstwirksamkeit. Eltern und Erzieherinnen kommt hier eine Vorbildfunktion zu. Die Art und Weise wie sie in den unterschiedlichsten Situationen mit Kindern umgehen, wird von diesen nicht nur wahrgenommen sondern in der Regel auch übernommen.
Beispiel: „Auto haben!“ Ein typischer Konflikt bei unter zweijährigen Kindern lässt sich thematisch mit „Etwas haben wollen“ umschreiben. Das kann ein Spielzeugauto, ein Bilderbuch, ein Dreirad oder eine Puppe sein. Situation: Bogdan spielt ruhig auf dem Teppich mit einem Auto. Luka nähert sich und greift nach dem Spielzeug. Bogdan verteidigt seinen Besitz. Es folgte ein Kräftemessen verbunden mit Lauten und Wörtern wie „haben… nein… ich….haben!“ (Heute können wir erleben, wie so manche Erwachsene eine Insel, einen Kanal oder einen ganzen Land haben wollen). Bogdan wendet seinen Blick hilfesuchend zur Erzieherin. |
Kinder in diesem Alter müssen noch vielfältige Erfahrungen machen, vor allem müssen sie lernen, dass es andere Kinder gibt, die ebenfalls einen Anspruch auf die Benutzung der Spielsachen haben. Da sie erst um den 18. Lebensmonat herum zu der Erkenntnisleistung fähig sind, dass ein anderes Kind ein eigenständiges Wesen mit eigenen Interessen und Gefühlen ist, brauchen sie einfühlsame Erzieherinnen, die in solchen Situationen helfend eingreifen. „Helfend eingreifen“ – nicht diktatorisch!
So ging es weiter:
Die Erzieherin nahm den Konflikt wahr, löste sich aus einer Gruppe, mit der sie gerade den Tisch deckte, ging zu den beiden Jungen und sprach sie mit ruhiger Stimme an: „Bogdan, du hast mit dem Auto gespielt. – Luka, dann bist du gekommen und wolltest auch mit dem Auto spielen.“ Während sie die Situation ruhig beschreibt, ziehen die beiden Jungen kräftig an dem Auto. In ihrem jeweiligen Gesichtsausdruck zeigt sich, dass sie stark emotional beteiligt sind.
Erzieherin.: „Luka, lass das Auto bitte einmal los. Bogdan hatte sich das Auto geholt und hat damit gespielt.“
Während sie das sagt, lässt Luka das Auto los, beide Jungen beruhigen sich, blicken zu ihrer Erzieherin.
Erzieherin: „Ich helfe euch mal. Bogdan, du darfst weiter mit dem Auto spielen. Und wenn du damit fertig bist, sagst du es Luka. Luka, dann kannst du das Auto haben. – Zuerst spielt Bogdan noch mit dem Auto, danach darfst du damit spielen. Seid ihr beide damit einverstanden?“
So entstehen innere Arbeitsmodelle
In der beobachteten Situation konnte der Konflikt gelöst werden. Wir können davon ausgehen, dass die Quelle für die Lösung in dem zwischen Erzieherin und Kindern bestehenden Vertrauen lag. Es gab eine empathische Übereinstimmung hinsichtlich der Bewertung der Situation. Begriffe wie „zuerst“ und „danach“ können in ihrer zeitlichen Dimension noch nicht erfasst werden. Aber die Kinder können durch diese Art der Klärung ein inneres Arbeitsmodell entwickeln, das in zukünftigen Situationen hilfreich sein kann. Mimik, Gestik, Sprachmelodie und Zuwendung der Erzieherin führten dazu, dass Bogdan noch eine Weile mit dem Auto spielte und es dann zur Seite stellte. Luka hatte seinen Spielwunsch, so schien es, längst vergessen. Aber nun erinnert ihn die Erzieherin und sagt: „Luka, jetzt kannst du mit dem Auto spielen.“ Langsam nahm nun Luka das Auto und spielte damit.
Ausgangspunkt war eine von Luka verursachte Streitsituation. Aufgelöst wird diese durch die Moderation der Erzieherin, die beide Kinder ernst nimmt und einen Lösungsvorschlag verbalisiert. Dieser wird von beiden Kindern akzeptiert. Wir können davon ausgehen, dass in diesem Prozess wichtige emotional-kognitive Erfahrungen gemacht werden konnten. Beide Kinder erfahren durch die Hilfestellung ihrer Erzieherin, dass ihr Konflikt gelöst werden konnte. Sie haben gleichsam im der Interaktion mit ihrer Erzieherin und deren kommunikativer Kompetenz erfahren, dass und wie sie in einer Konfliktsituation aus der Bredouille herauskommen können. Ihr Alltag in der Kita geht für sie sorgenfrei – das nehme ich einmal an – weiter. Ich nehme weiter an, dass sie in dieser Situation für die Zukunft eine Grunderfahrung gemacht haben, die bei der Lösung ähnlicher Probleme zur Verfügung stehen könnte.
In der Art des Klärungsversuchs kann sich jedes Kind als eigenständige Personen mit eigenen Wünschen und Gefühlen erkennen. Die Erzieherin spricht beide Jungen mit ihrem Namen an. Sie schlägt eine Lösung vor. Für die Kinder eröffnet sich ein Weg aus der Sackgasse.
Damit – so dürfen wir annehmen – wird in ihrem Gehirn ein Arbeitsmodell angelegt, das zwar durch ähnliche Erfahrungen noch verstärkt werden muss, das aber schon die emotional-kognitive Erkenntnis in sich trägt, dass es Alternativen zu ihrem bisherigen Verhalten gibt.
Das bedeutet: Kindheitsmuster für pro-soziales Verhalten entwickeln sich auch in Konfliktsituationen. Entscheidend ist, dass die erwachsene Person eine Haltung verkörpert, in der Kinder Zuwendung, Verständnis und Hilfe erfahren und nicht beschämt werden Die Erleichterung, die Kinder in und nach einer solchen Situation verspüren, trägt mit dazu bei, dass sich diese Erfahrungen als Muster für das Lösen zukünftiger Konfliktsituationen etablieren. Es ist eine Erfahrung, die Hoffnung in sich trägt.
Kompetenzmerkmale für demokratisches Verhalten
In der Regel sprechen wir im Zusammenhang mit solchen Ereignissen von emotional-sozialen Lernprozessen. Im Kern sind hier bereits grundlegende demokratische Fähigkeiten angelegt. Als Kompetenzmerkmale für demokratisches Verhalten werden folgende Fähigkeiten angenommen: Probleme erkennen, Einfühlungsvermögen zeigen, Lösungsansätze suchen und diskutieren, Gedanken anderer wahrnehmen und zu verstehen suchen, Kompromissfähigkeit entwickeln, sich auf gemeinsame Handlungen verständigen und zur Realisierung beitragen. Dabei spielt die Erfahrung von Verlässlichkeit eine entscheidende Rolle. Die Ausbildung dieser Kompetenzen beginnt in der frühen Kindheit. Sie gehören daher in einer guten Kita-Praxis zum Erfahrungsfeld von Kindern. Viele Wissenschaftler*innen, die sich mit diesem Problemfeld beschäftigen, sehen geradezu die Kernaufgabe menschlicher Bildung in der Entwicklung emotional-sozialer Kompetenzen. Die Grundannahme lautet, die Potentiale für Empathie sind in jedem Menschen angelegt. Es brauche aber bestimmte Bedingungen, damit sich diese Potenziale entwickeln könnten. Das gelinge besonders in Situationen, in denen von den Beteiligten Problemlösungsfähigkeit als ein wichtiger Faktor angesehen wird.
Demokratisches Handeln kann vor allem in den vielen Konfliktsituationen des Kita – Alltags gelernt werden. In Streitsituationen werden Gefühle wie Wut, Ärger, Ohnmacht erlebbar. Diese gilt es altersgemäß zu benennen. Geben Erzieher*innen Hilfestellungen, dann findet eine emotional-kognitive Bearbeitung der Situation statt. Betroffene Kinder erleben, dass sie nicht nur Urheber von Streit sind, sondern dass sie auch zur Lösung beitragen können. Das stärkt ihr Selbstwertgefühl und es bilden sich Grundstrukturen für soziales und damit demokratisches Verhalten heraus.
Das Spiel und sein vielfältigen Möglichkeiten
Als wichtiges Erfahrungsfeld gilt vor allem das Spiel der Kinder. Denn
im Spiel machen sich die Kinder mit ihrer sozialen und materiellen Umwelt vertraut. Anstrengung – verbunden mit Momenten der Frustrationen – gehören ebenso dazu wie die Freude über das Gelingen. Das Spiel kann für Kinder zu einer unersetzbaren Quelle von Zufriedenheit, Selbstsicherheit und positivem Selbstwertgefühl werden. Im Spiel können vielfältige Erfahrungen von Selbstwirksamkeit gesammelt werden.
Dabei ist es für die Kinder wichtig, neben der Fähigkeit, eigene Absichten mitzuteilen, die Absichten der anderen Mitspieler wahrzunehmen und zu berücksichtigen. Sprachliche und emotional-soziale Fähigkeiten werden für ein gelingendes Spiel benötigt. Diese Kompetenzen erwerben die Kinder untereinander und miteinander. Damit wird ihr Spiel nicht nur zu einem Motor für ihren Spracherwerb, sie sammeln vor allem demokratische Grunderfahrungen. Diese sind von unschätzbarem Wert für ihr jetziges und auch für ihr zukünftiges Leben. Das Spiel steht am Beginn einer jeden Entwicklung, hat Bedeutung in der Gegenwart und schafft Fähigkeiten für das Leben in der Zukunft.
In den Sozialwissenschaften werden diese Kompetenzen nicht nur als eine entscheidende Quelle für eine gut verlaufende individuelle Entwicklung bezeichnet, sie werden auch als Kern einer gelingenden gesamtgesellschaftlichen Entwicklung angesehen. Denn eine humane Gesellschaft beruht auf der menschlichen Fähigkeit, Mitgefühl zu empfinden, Rücksicht zu nehmen und mit anderen zu kooperieren. Damit sind die Voraussetzungen für solidarisches Handeln in demokratischen Prozessen angedeutet. Zukunftsforscher betonen, genau auf diese Fähigkeiten komme es an.
In Zeiten, in denen Demokratien weltweit bedroht werden oder bereits zerstört wurden (Levitsky/Ziblatt, 2019) ist es besonders wichtig zu erkennen, wo und auf welche Weise Grundlagen für demokratisches Handeln erworben werden können und wie Demokratien geschützt werden können.
Entwicklung einer psychosozialen-kognitiven Kompetenz
In den KITAs und Grundschulen, werden die Grundlagen für demokratisches Handeln gelegt. Lernen in den KITA s und den Schulen vollzieht sich immer in einer Gemeinschaft. Kinder können schon früh voneinander lernen, Probleme aufwerfen und gemeinsam nach Lösungen suchen. Im Verlauf der Kindheit verbinden sich emotionale und kognitive Erlebnisse und führen zu einer kognitiv-psychosozialen Kompetenz. Dazu gehört die Fähigkeit, eigene Bedürfnisse wahrzunehmen und für ein empathisches Handeln anderen gegenüber bereit und fähig zu werden. Dies passiert im Umgang miteinander, in den Handlungen und Interaktionen des Alltags, wie ich es an Beispielen beschrieben habe.
Kinder brauchen Menschen, die sich in ihre Situation einfühlen können und ihnen Orientierungen bieten. In den ersten Lebensjahren ist es wichtig, die Gefühle der Kinder wahrzunehmen und ihnen Wörter für diese Gefühle anzubieten. Wenn Kinder konkret erleben können, dass ihnen Eltern, Erzieherinnen und Lehrpersonen helfen, konfliktträchtige Situationen des Alltags konstruktiv zu lösen, dann führt diese Erfahrung zu inneren Mustern, die in künftigen Situationen für den Umgang miteinander und für das Lösen von Problemen zur Verfügung stehen.
Bei der Bearbeitung von Konflikten finden permanent Wechselwirkungen zwischen Wahrnehmen, Fühlen, Verstehen und Handeln statt. Diese Erfahrungen werden als innere Muster etabliert. Kinder erleben sich in solchen Situationen in ihrer Selbstwirksamkeit, diese Erfahrung stärkt ihr Selbstwertgefühl und so bilden sich Grundstrukturen für pro-soziales Verhalten heraus. Damit ist eine wesentliche Erfahrungsgrundlage für demokratisches Handeln geschaffen.
Empathische Bezugspersonen sind wichtig
Ein Kind braucht auf seinem Weg zu einer autonomen Persönlichkeit zugewandte Erwachsene, die Interesse an seiner Entwicklung haben, seine Eigenaktivitäten unterstützen und auch wertschätzen. Auf diese Weise entwickelt es Interesse an sich und seiner Umwelt. Es sammelt durch konkretes Tun Erfahrungen, die als Wissen und Handlungspotenziale gespeichert werden. Dabei setzt es immer differenziertere Formen der Selbst- und Welterkenntnis ein. Wissen, Denken, Fühlen und Handeln stehen in diesem Prozess in einem wechselseitigen Verhältnis zueinander.
Wenn Eltern und Erzieher*innen Interesse zeigen, Geborgenheit vermitteln, Anregungen geben, Regeln erklären, Eigenaktivitäten zulassen, bei Konflikten helfen und sich an der Entwicklung der Kinder freuen, dann entsteht ein Gefühl von Sicherheit. Ein Kind ruht dann in sich, nimmt wahr, was um es herum geschieht, gerät es in einen Konflikt, so hat es Klärungskompetenzen erworben, die ihm nun bei der Lösung helfen können. Diese erworbenen Kompetenzen kann es in seinem weiteren Leben immer wieder als Erfahrung abrufen.
Empathisches Handeln beruht auf dem Zusammenspiel mehrerer Komponenten. Ein Mensch muss sich in die Situation eines anderen Menschen einfühlen können (emotionale Komponente). Hinzu kommt eine kognitive Komponente, sie bezeichnet den Versuch des Verstehens: Worin besteht das Problem dir anderen Person? Daraus ergibt sich eine Entscheidung für oder gegen ein bestimmtes Handeln. Ist die Handlung auf Mitgefühl gebaut, hat sie eine helfende Wirkung.
Sie kann sich aber, ohne die Komponente des Mitgefühls entweder in Gleichgültigkeit oder in Destruktion verwandeln. Destruktive Handlungen können zu Grausamkeiten ausarten und alle aggressiven Formen bis hin zur Folter in sich tragen (Gebauer, 2007).
Auch dieses Verhalten kann in der Kindheit erlernt werden. Es setzt sich dann ins Leben eines erwachsenen Menschen fort, wenn ein Kind im weiteren Verlauf seiner Entwicklung keine Chance hat, einem empathisch zugewandten Menschen zu begegnen.
In meinem Buch „Väter gesucht“ (Gebauer, 2003), gehe ich in Gesprächen mit Vätern der Frage nach, welche Erfahrungen sie mit ihrem Vater gemacht haben. In Fällen, in denen sie der Gewalt ihrer Väter ausgesetzt waren, war es hilfreich, wenn sie zu einer anderen Person flüchten und sich trösten lassen konnten. Am Beispiel von zwei Brüdern (ein leiblicher Sohn und ein Stiefsohn) wurde deutlich, dass der eine bei seinem Grossvater Trost fand. Er ist heute Jurist. Sein Stiefbruder wurde kriminell, für ihn gab es keinen tröstenden Großvater. Ich habe nur Einzelfall-Studien durchgeführt, in der Fachliteratur finden sich aber eine Vielzahl von Studien, die solche Entwicklungen belegen. Welcher Schaden im Einzelfall – aber auch in einer Gesellschaft – eintreten kann, beschreibt S. Fuchs ausführlich in seinem Buch: „Die Kindheit ist politisch! – Kriege, Terror, Extremismus und Gewalt als Folge destruktiver Kindheitserfahrungen.“(Fuchs, 2019)
Hoffnungsspender: Selbstwirksamkeit und Resonanz
In der Kindheitsforschung werden zwei zentrale Begriffe für die frühe Kindheit hervorgehoben: Selbstwirksamkeit und Resonanz. Ich habe sie im bisherigen Text immer wieder erwähnt. Sie gelten als entscheidende Wirkfaktoren für eine innere Sicherheit. Jeder Menschen kennt in seinem Leben Momente des Gelingens. Wird diese Erfahrung von einer Person gewürdigt, so erlebt ein Kind durch diese wohlwollende Resonanz eine Bestätigung für seine Aktivitäten. Dieser Prozess führt zu einem Gefühl von Zuversicht. Es entsteht Hoffnung, dass auch in der Zukunft Gutes gelingen könnte. In der Dynamik von Selbstwirksamkeit und Resonanz liegt nicht nur die Quelle für unsere Antriebskraft, sie ist auch in schwierigen Zeiten entscheidend für unsere innere Sicherheit. Das bedeutet, dass Hoffnung genau in diesen konkreten Handlungen zu suchen und zu finden ist. Es ist gut, in Zeiten von allgemein großer Verunsicherung und Bedrohung, sich daran zu erinnern. Natürlich übersteigt es die Fähigkeiten einer einzelnen Person oder einer Personengruppe, die Weltpolitik zu beeinflussen. Aber, es ist wichtig, dass wir als Individuen versuchen, für uns eine innere Sicherheit herzustellen. Damit schaffen wir eine wichtige Grundlage für das Verstehen und Verarbeiten von kleinen und großen politischen Problemen.
Die Komplexität der Welt verstehen
Eine reife Persönlichkeit zeichnet sich im späteren Leben dadurch aus, dass sie die Probleme der Welt nicht einseitig betrachtet und analysiert, sondern dass sie sich an die eigenen – die emotional-sozialen – Erfahrungen aus der Kindheit erinnert. Für das Verstehen und Lösen von Problemen spielen immer auch die emotional-sozialen Erfahrungen eine Rolle. Wurde der Umgang mit diesen nicht erlebt und gelernt, so fehlt im späteren Leben eine entscheidende Komponente des Weltverstehens. Wenn allerdings Menschen in der Kindheit den komplexen Vorgang von Konfliktlösungen verinnerlicht haben, dann besteht die Chance, dass ihr gespeichertes inneres Arbeitsmodell auch im späteren Leben abgerufen werden kann. So besteht die Chance, der „Achse der Autokraten“ (Applebaum) mit einer gefestigten Haltung entgegenzutreten. Natürlich ist das nur im Rahmen starker Demokratien möglich. Aktuell heißt das: Politiker*innen des Europäischen Parlaments müssen in der aktuellen Weltlage diese Aufgabe übernehmen.
Zusammenfassung und Ausblick
Im Zentrum meiner Ausführung stehen die Begriffe: Selbstwirksamkeit und Resonanz. Sie gelten als entscheidende Wirkfaktoren für die Ausbildung eines gefestigten inneren Selbst. Jeder Menschen kennt in seinem Leben Momente des Gelingens. Dieser Prozess führt zu einem Gefühl von Zuversicht, es kann sich die Hoffnung entwickeln, dass auch in der Zukunft Gutes gelingen könnte. In der Dynamik von Selbstwirksamkeit und Resonanz liegt nicht nur die Quelle für unsere Antriebskraft, sie ist auch in schwierigen Zeiten entscheidend für das Gefühl einer inneren Stabilität. Zuversicht und Hoffnung sind in konkreten Handlungen zu suchen und zu finden. Es ist gut, sich in Zeiten großer Verunsicherung und Bedrohung, an Fähigkeiten zu erinnern, die man in der Vergangenheit erworben und ausgebildet hat. Fähigkeiten, die einem das Gefühl von Sicherheit und Kompetenz vermittelt haben. Man sollte auch die Menschen nicht vergessen, die einem geholfen haben diesen Weg zu gehen.
Eine reife Persönlichkeit zeichnet sich im späteren Leben dadurch aus, dass sie bei der Betrachtung der Probleme der Welt auf die Erfahrungen der Kindheit zurückgreifen kann. Schon in den KITAs können Schritte erfahren und gelernt werden, die für das Lösen von Problemen entscheidend sind: Ein Problem wahrnehmen, den Versuch machen, es kognitiv und emotional zu erfassen und dabei die sozialen Folgen einer möglichen Entscheidung im Blick haben.
Gefragt ist ein politisches Handeln, das auf der Grundlage der Menschenrechte beruht. Das setzt emotionale, kognitive und soziale Fähigkeiten voraus. Nur im Zusammenspiel von Denken, Fühlen und Handeln kann sich soziale Verantwortung entwickeln. Dazu gehört selbstverständlich die Beachtung der Menschenrechte. Rücksichtslosigkeit und brutale Ausübung von Macht würden in den Hintergrund treten. Darin läge ein großer Gewinn für die Gesellschaften dieser Welt.
Literatur:
- Applebaum, A. (2024): Die Achse der Autokraten. Korruption, Kontrolle, Propaganda: Wie Diktatoren sich gegenseitig an der Macht halten. Siedler, München
- Bauer, J. (2005): Warum ich fühle, was du fühlst. Intuitive Kommunikation und das Geheimnis der Spiegelneuronen. Hoffmann und Campe, Hamburg
- Chamberlain, S. (2002): „Und sie werden nicht mehr frei ihr ganzes Leben.“ Frühe Sozialisation im totalitären Staat am Beispiel des sogenannten dritten Reiches. In: Gebauer / Hüther: Kinder suchen Orientierung. Anregungen für eine sinn-stiftende Erziehung. Walter, Düsseldorf/Zürich
- Friedrichs. J. (2024) Crazy Rich, Berlin
- Fuchs, S. (2019): Die Kindheit ist politisch. Kriege Terror, Extremismus, Diktaturen und Gewalt als Folge destruktiver Kindheitserinnerungen. Mattes, Heidelberg
- Fukuyama, F. (2019): Identität. Wie der Verlust der Würde unsere Demokratie gefährdet. Hoffmann & Campe
- Gebauer, K.(1996): „Ich hab sie ja nur leicht gewürgt.“ Mit Schulkinder über Gewalt reden. Klett-Cotta, Stuttgart
- Gebauer, K. (2003): Väter gesucht. 16 exemplarische Geschichten.
- Gebauer, K. (2007): Mobbing in der Schule. Beltz, Weinheim Patmos/Walter, Düsseldorf/Zürich
- Gebauer, K. (2011): Gefühle erkennen –sich in andere einfühlen. Kindheitsmuster Empathie. Ein Bilderbuch. Beltz, Weinheim
- Haug-Schnabel, G. (2003): Erziehen – durch zugewandte und kompetente Begleitung zum selbsttätigen Erkennen und Handeln anleiten. In: Gebauer/Hüther (Hg.2003): Kinder brauchen Spielräume, S 40–54
- „Psychologie heute“, Heft 2, 2025: „Stürmische Zeiten – stabiles Ich.“ Belz, Weinheim
- Levitzky, S. /Ziblatt, D.(2019): Wie Demokratien sterben und was wir dagegen tun können? Penguin
- Müller, T.: (2025):“Die Liste der wichtigen Dinge im Leben: In: „Psychologie heute“, Heft 2, 2025. Belz, Weinheim
- Metzger, J. :Stürmische Zeiten, stabiles Ich. In: „Psychologie heute“, Heft 2, 2025. Belz, Weinheim
- Riffkin, J. (2010): Die empathische Revolution. Wege zu einem globalen Bewusstsein. Campus, Frankfurt a/M
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